Vom 10. bis 16. Februar 2024 fanden im Brecht-Haus in Berlin die Brecht-Tage 2024 des Literaturforums statt. Die Veranstaltung umfasste musikalische Einlagen, Vorträge, Lesungen und Diskussionen unter dem Motto “Fiktionsbescheinigung – Brechts Flüchtlingsgespräche reloaded”. Es war mir eine Ehre, mit Annika Reich, einer der Organisatorinnen, ein Gespräch zu führen, um mehr über die Brecht-Tage zu erfahren. 

AS: Annika, vielen Dank, dass wir von E-CIBS dieses Interview mit dir führen dürfen. Könntest du unseren Lesern bitte eine kurze Zusammenfassung dessen geben, was bei den Brecht-Tagen 2024 stattgefunden hat? 

AR: Bei den Brecht-Tage 2024 standen Brechts Texte im Fokus, in denen er das Exil thematisierte. Gestartet haben sie mit musikalisch begleiteten Lesungen am Grab Brechts und im Innenhof des Literaturforums. Dichterinnen aus Eritrea, Belarus, Deutschland, Iran, Afghanistan und Syrien haben Übersetzungen von „Gedanken über die Dauer des Exils“ und eigene Gedichte gelesen, die in Resonanz zu Brechts Lyrik stehen. Der zweite Abend widmete sich Brechts Satz „Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen“. Exil-Autor*innen und Aktivist*innen erzählten Geschichten, die sie mit ihrem Pass bzw. offiziellen Dokumenten seit ihrer Ankunft in Deutschland erlebt haben. Der Abend zur Rezeption von Brecht im Iran begann im Archiv, so dass das Publikum die Möglichkeit bekam, sich über arabische und persische Brecht-Übersetzungen zu informieren. In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten die beiden Brecht-Übersetzer und Autoren Mahmoud Hosseini Zad und Ali Abdollahi die Rezeption im Iran. Sie berichteten von den ersten Begegnungen mit Brechts Literatur, den möglichen Einflüssen auf die persische Literatur des 20. Jahrhunderts und den Missverständnissen in der Rezeption. Weiter ging das Programm mit literarischen Performances und szenischen Lesungen, die sich assoziativ mit Brechts „Flüchtlingsgesprächen“ auseinandersetzten und einem Workshop für junge Erwachsene, der den Asylprozess simulierte. Die Brecht-Tage endeten mit einem Lab, das sich der Frage widmete: „Wem gehört das Exil?“ Bisher war der letzte Tag der Brecht-Tage einer Konferenz vorbehalten, dieses Jahr wurde das Brecht-Haus jedoch für das Publikum geschlossen und eröffnete stattdessen einen Raum, in dem sich geflüchtete Kulturschaffende untereinander austauschen können. In den „Flüchtlingsgesprächen“ ist immer wieder Thema, dass die Wahrheit weder laut noch deutlich und nur mithilfe des „Verfremdungseffektes“ geäußert werden darf. Als Brecht die „Flüchtlingsgespräche“ schrieb, fehlte ihm ein Austausch mit anderen Exilierten. Einen solchen Austausch wollten wir nun 90 Jahre später möglich machen. 

Fotos: © Juliette Moarbes

AS: Woher genau kommt das Thema «Fiktionsbescheinigung – Brechts Flüchtlingsgespräche reloaded» und wie kann man es verstehen?

AR: Das Thema setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Es zitiert den Titel eines Gedichts des syrischen Dichters Sam Zamrik aus seinem Gedichtband „Ich bin nicht“ (Hanser Berlin Verlag) „Fiktionsbescheinigung“. Mit einer „Fiktionsbescheinigung“ weisen geflüchtete Menschen in Deutschland nach, dass sie ein vorläufiges Aufenthaltsrecht haben. Es ist die juristische Fiktion eines Fortbestandes des bisherigen Aufenthaltsrechts, solange der Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis geprüft wird. Uns erschien dieses Konzept ob seiner Absurdität und das Wort an sich passend für die Brecht-Tage 2024. Der zweite Teil des Themas „Flüchtlingsgespräche relaoded“ bezieht sich der Titel auf die Aktualisierung des Spektrums an Fragen, die Brecht in den „Flüchtlingsgesprächen“ aufgeworfen hat.

AS: Als ich von dieser Veranstaltung hörte, musste ich unweigerlich an die neuerlichen neofaschistischen Drohungen der AfD und der MAGA-Bewegung mit Massenabschiebungen denken. Verliehen diese Bedrohungen den Brecht-Tagen irgendeine zusätzliche oder besondere Bedeutung? 

AR: Ja, die aktuellen Entwicklungen stellen eine weitere Zuspitzung der prekären Situation geflüchteter Menschen in Deutschland dar und haben noch einmal deutlicher gemacht, wie fragil die Situation für Menschen im Exil auch hierzulande ist. Diese Zuspitzung kommt aber nicht nur durch die wachsende Bedrohung aus dem rechtsextremen Lager, sondern auch durch die sich verschärfende Gesetzeslage, die eine Konsequenz der gegenwärtigen Politik ist. Das vorherrschende Gefühl unter den geflüchteten Menschen, mit denen wir arbeiten, bleibt wie Brecht geschrieben hat: „Schlage keinen Nagel in die Wand!“ 

AS: Weiter Schreiben, ein Projekt des gemeinnützigen Vereins WIR MACHEN DAS e.V., in welchem du die Mitgründerin und Künstlerische Leiterin bist, hat die Brecht-Tage 2024 kuratiert. Für was steht dieses Projekt und wie kam es dazu, dass du dich an dem Brecht-Tage-Projekt beteiligt hast? Was waren eure Beweggründe und Hauptziele? 

AR: Weiter Schreiben ist eine literarische Plattform für Autor*innen aus Kriegs- und Krisengebieten. Seit 2017 übersetzen, illustrieren und publizieren wir auf unserem Onlineportal Lyrik und Prosa aus dem Arabischen, Persischen, Ukrainischen und Tigrinya – auf Deutsch sowie im Original. Wir verbinden Schriftsteller*innen im Exil mit renommierten deutschsprachigen Autor*innen in Tandems und veranstalten gemeinsame Lesungen. Wir tun das, weil das Weiterschreiben, Weitergelesen- und Gehörtwerden für Schriftsteller*innen existentiell ist – und weil wir die Texte als unschätzbare Bereicherung der hiesigen Literaturlandschaft begreifen. Insofern schließt Weiter Schreiben nicht nur thematisch, sondern auch in seinem Wirken an Bertolt Brechts Leben an, hatte doch seine Mitarbeiterin Margarete Steffin 1933 in Paris die Agentur DAD, den „Deutschen Autoren-Dienst“, eingerichtet, der emigrierten Schriftsteller*innen Publikationsmöglichkeiten vermitteln sollte. Ich habe dieses Projekt gegründet und bin seine Künstlerische Leiterin. Die Autorin Annett Gröschner, die im Verein des Brecht-Hauses involviert ist, hatte Weiter Schreiben vorgeschlagen, und wir haben dann im Team beschlossen, dass wir uns in diesem Rahmen Brechts Werken zum Thema Exil widmen und sie aus Exil-Perspektive befragen wollen. Deswegen waren von Anfang an neben Dima Albitar Kalaji und mir als Künstlerischer Leitung Exil-Autor*innen als Kurator*innen am Konzept beteiligt. Alle Ideen sind gemeinsam entwickelt worden, alle Abende wurden von Künstler*innen im Exil kuratiert und/oder geleitet. Die Kunstschaffenden im Exil haben verschiedene Themenkomplexe und Formate entwickelt, die einen multiperspektivischen, multimedialen und überraschenden Blick auf Brechts Werk erlauben. Außerdem wollten wir mit den Brecht-Tage 2024 Räume öffnen, um Gespräche und Begegnungen unter geflüchteten Autor*innen im heutigen Berlin zu ermöglichen. 

Fotos: © Juliette Moarbes

AS: Was waren im Rückblick deiner Meinung nach die größten Erfolge der Tage? Was lief nicht so gut?  

AR: Im Vorfeld war ich erstaunt zu erfahren, dass alle Exil-Autor*innen, die wir gefragt haben, eine Beziehung zu Brecht hatten – ob sie aus Eritrea, Belarus, Afghanistan, Iran oder Syrien kamen. Dann war ich beeindruckt, wie groß das Interesse an allen Veranstaltungen und wie divers das Publikum war. Es gab eine beträchtliche Anzahl von persisch- und arabischsprachigem Menschen im Publikum. So sind neue Verbindungen, Erkenntnisse und Zukunftsperspektiven entstanden. Wir hatten im Vorfeld mehrere Absagen aus politischen und persönlichen Gründen, die wir natürlich respektiert haben. Der größte Erfolg war für mich, dass es uns trotz allem gelungen ist, in der aktuellen politischen Lage, ein solches gemeinsam erarbeitetes Programm auf die Beine zu stellen, dass nicht nur von der Presse, dem traditionellen Brecht-Publikum, sondern auch von einer diversen Zuhörer*innenschaft angenommen wurde. 

AS: Du bist Autorin von Essays, Kinderbüchern und Romanen, darunter auch dein im letzten Jahr bei Hanser Berlin veröffentlichter Roman »Männer sterben bei uns nicht«. Was ist deine Meinung als deutsche Schriftstellerin zur Relevanz von Brecht in der heutigen Zeit? 

AR: Ich hatte mich vor der Programmgestaltung für die Brecht-Tage lange nicht mehr mit Brecht, aber seit Jahren intensiv mit dem Themenkomplex rund um das Exil beschäftigt und dabei besonders mit der Frage, was das Exil für Autor*innen bedeutet und was ich dazu beitragen kann, ihre Literatur zu fördern. Als ich nun die „Flüchtlingsgespräche“, aber auch viele seiner Gedichte wieder gelesen habe, war ich erstaunt, wie treffend und aktuell anschlussfähig Brecht die Exil-Erfahrungen beschrieben hat. Ich habe Sätze wiederentdeckt, an die ich in diesem Zusammenhang seither ständig denken muss, wie der Satz aus dem Gedicht „Wahrnehmung“: „»Die Mühen der Berge haben wir hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen«. Auch wenn Brecht diesen Satz nicht auf das Exil bezogen hat, beschreibt er das Leben nach der Flucht so treffend wie kaum ein anderer. 

AS: Welche Vorhaben stehen als Nächstes für dich an? 

AR: Wir starten bei Weiter Schreiben gerade mit fünf neuen Autor*innen-Tandems und veranstalten dieses Jahr drei weiteren Interventionen in Berliner Kulturinstitutionen, um die Perspektiven und Erfahrungen von Exil-Autor*innen im Berliner Kulturbetrieb besser sichtbar zu machen und den Horizont zu erweitern. Gleichzeitig habe ich angefangen, einen neuen Roman zu schreiben. Langweilig wird mir also nicht werden… 

AS: Hast du abschließend noch Bemerkungen, die du teilen möchtest? 

AR: Es ist mir ein Anliegen zu betonen, dass dieses Programm nur deswegen mit diesem Erfolg stattfinden konnte, weil es gemeinsam von Autor*innen, die in Deutschland etabliert sind, und Exil-Autor*innen erarbeitet worden ist. Mir ist dabei zum wiederholten Male klar geworden, dass es nur so und nicht anders geht. 

AS: Vielen Dank nochmals, Annika. Wir sind gespannt auf deine nächsten Erfolge! 

Fotos: © Juliette Moarbes

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