
Bertolt Brecht und Ernst Toller gehören zu den bekanntesten und profiliertesten (Dramen-)Autoren der Weimarer Republik. Zwischen ihnen gibt es zahlreiche Berührungspunkte: Beide stehen für einen ebenso experimentellen wie ästhetisch avancierten Umgang mit literarischen Ausdrucksformen, in den stets gesellschaftskritische Fragen mit einbezogen werden. Darüber hinaus gibt es Überschneidungen in der literarischen Themenwahl, der politischen Einstellung, dem beruflichen Umfeld[1] wie auch bei den Kooperationspartnern. So haben sowohl Brecht als auch Toller intensiv mit Erwin Piscator zusammengearbeitet, aber auch mit Kurt Weill und Hanns Eisler sowie mit Herrmann Borchardt sind Kollaborationen bezeugt.[2] Zudem hatten beide sehr viele gemeinsame Bekannte und Freunde innerhalb des kulturellen Lebens der Weimarer Republik und waren über die Jahre hinweg in denselben Organisationen und Initiativen aktiv.[3]
Dennoch gibt es sehr wenige Belege für einen direkten Austausch. Elisabeth Hauptmann, die langjährige Mitarbeiterin Brechts, die auch mit Toller bekannt war, hatte im Frühjahr 1926 ein gemeinsames Treffen arrangiert,[4] das jedoch „ganz schief“[5] ging, wie sie später berichtete: „Die hatten sich gar nicht viel zu sagen“.[6] Es gibt Belege für einige wenige weitere Treffen und auch Telefonate bis in die Exilzeit hinein,[7] doch alles in allem scheinen beide nur selten Kontakt zueinander aufgenommen zu haben.
Auch in ihren schriftlichen Äußerungen halten sich beide mit Bemerkungen zueinander und zum Werk des jeweils anderen zurück, zumindest ist nur sehr wenig überliefert. Dass Brecht Tollers Drama Die Wandlung 1920 als „[g]edichtete Zeitung, bestenfalls“[8] bezeichnet hat, ist bekannt. Diese Kritik relativierte Brecht später im Rahmen der marxistischen Expressionismusdebatte vorsichtig, ohne jedoch eine distanzierte Sichtweise auf Toller und dessen Werk aufzugeben.[9]

Toller rückte 1927 in einem Vortrag zum modernen deutschen Drama Brecht in die Nähe von Wedekind und grenzte sich von dessen Triebbetonung in den frühen Stücken ab.[10] Viel weiter geht die öffentliche Auseinandersetzung mit Brecht jedoch nicht. Dass Toller in seinem Artikel „The Function of Drama“, erschienen im Januar 1937 in der New York Times,[11] mit der Feststellung „There is no ‚epic drama‘“ auf Brecht zielte, konnte mittlerweile relativiert werden: Toller hatte vielmehr hauptsächlich zeitgenössische Ausprägungen des Theaters in seinem Exilland USA im Blick.[12]
Alles in allem herrscht also ein auffälliges Schweigen zwischen beiden Autoren. Diese Stille setzt sich in der Forschung fort: Zwar gibt es eine breite Brecht-Forschung sowie eine nicht ganz so breite, aber doch intensive Toller-Forschung, aber unter einer spezifisch vergleichenden Perspektive werden beide Autoren nur selten betrachtet. Weit eher gibt es Untersuchungen zu Arbeiten mehrerer Autor:innen, unter denen sich dann auch Brecht und Toller befinden.[13] Eine Monographie oder eine Aufsatzsammlung, die speziell Brecht und Toller vergleichend unter wichtigen Aspekten in den Blick nehmen würde, gab es bis vor Kurzem nicht.
Um dem skizzierten Forschungsdesiderat zu begegnen, fand vom 20. bis 22. Juli 2022 an der Universität Magdeburg die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte internationale Konferenz „Bertolt Brecht und Ernst Toller“ statt. Seit Kurzem liegt der Tagungsband vor, der die gehaltenen Vorträge sowie zusätzliche Beiträge versammelt.
Die beiden Autoren werden hierin unter unterschiedlichsten Blickwinkeln zueinander in Beziehung gesetzt: Neben der Entwicklung des jeweiligen Kanon-Status werden dramaturgische, ästhetische, gesellschaftspolitische, theaterwissenschaftliche Fragen aufgeworfen. Es geht um den Umgang beider Autoren mit Judentum, Antisemitismus, Rassifizierungs- und Alteritätsdiskursen, um ihre Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und Populärkultur, um Medialität und Medienreflexion, um Fragen von Collage und Kollaboration. Es lässt sich feststellen: Wie erwartet gibt es zahlreiche Überschneidungen und Parallelen – etwa im Motivischen, Thematischen oder auch Konzeptionellen –, doch in textstrategischer und methodischer Hinsicht lassen sich auch viele deutliche Gegensätze konstatieren.
Insgesamt zeigen Konferenz wie Tagungsband, dass sowohl die Brecht- als auch die Toller-Forschung vom komparatistischen Herangehen profitieren können: Für die Auseinandersetzung mit beiden Autoren konnten neue Fragen und Impulse aufgeworfen werden.

Dr. Kirsten Reimers arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Literatur und Kultur der Weimarer Republik, Geschichte und Theorie der Literaturkritik sowie Verbrechen im Spiegel der Medien. Sie ist Mitherausgeberin der historisch-kritischen Ausgabe der Werke Ernst Tollers, der Briefe Tollers wie auch des Tagungsbandes „Bertolt Brecht und Ernst Toller“.
[1] Beide haben beispielsweise 1932 für Friedrich Hollaenders „Tingel-Tangel“-Revue „Es war einmal …“. Ein Weihnachtsmärchen nur für Erwachsene kurze Kabarett-Szenen beigetragen; vgl. [Michael Pilz: Anhang zu] Des Kaisers neue Kleider. In: Ernst Toller: Sämtliche Werke. Bd. 2: Stücke 1926–1939, S. 733–744, hier bes. S. 733. Zudem wurden Beiträge von Toller in der von Willi Bredel, Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger herausgegebenen Wochenzeitschrift Das Wort publiziert, u.a. Szenen aus Tollers zu jenem Zeitpunkt noch unveröffentlichten Dramen Nie wieder Friede! (vgl. [Christiane Schönfeld: Anhang zu] Nie wieder Friede! Ebd., S. 773–794, hier bes. S. 774) oder Pastor Hall (vgl. [Thorsten Unger/Lydia Mühlbach: Anhang zu] Pastor Hall. Ebd., S. 804–853, hier S. 804).
[2] Die Zusammenarbeit war allerdings sehr unterschiedlich, wie Irene Zanol in ihrem Beitrag „‚… dass bei Arbeit zu Zweien nie reine Dichtung entsteht‘. Kollaboratives Schreiben bei Ernst Toller und Bertolt Brecht als (Miss-)Erfolg.“ In: Bertolt Brecht und Ernst Toller. Hrsg. v. Kirsten Reimers/Lydia Mühlbach/Thorsten Unger. Berlin/Stuttgart 2024, S. 367–380.
[3] Ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit: Beide gehörten beispielsweise der „Gruppe 1925“ an oder setzten sich 1929 für den zum Tode verurteilten französischen Schriftsteller Henri Guilbeaux ein (vgl. den Kommentar zu einem Brief an Emil Ludwig vom 4.1.1929, in: Ernst Toller: Briefe 1. Göttingen 2018, S. 792.) Toller führte auch u.a. den Vorsitz auf der Protestversammlung der Liga für Menschenrechte gegen das Verbot des Films Kuhle Wampe (1932), an dem auch Brecht maßgeblich mitgewirkt hatte (vgl. Bertolt Brecht: Kuhle Wampe. Protokoll des Films unter Materialien. Hrsg. v. Wolfang Gersch/Werner Hecht. Frankfurt/Main 1969, S. 184.
[4] Vgl. Sabine Kebir: „Ich fragte nicht nach meinem Anteil“. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertolt Brecht. Berlin 1997, S. 43.
[5] Ebd., S. 248, FN 47.
[6] Ebd.
[7] Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: ebd., S. 54; vgl. auch den oben erwähnten Brief Tollers an Emil Ludwig vom 4.1.1929 (in: Toller: Briefe 1, S. 791) oder seinen Brief an Sergeij Tretjakow vom 15.10.1934 (in: Toller Briefe 2, Göttingen 2018, S. 1138f.); siehe auch den Brief an Maria Osten vom 25.3.1936 (in: ebd., S. 1310). Brecht wiederum erwähnt zum Beispiel Toller in einem Brief an Felix Gasbarra, Anfang August 1927, in: Bertolt Brecht: Werke. Bd. 28: Briefe 1 (1913–1936). Berlin/Weimar/Frankfurt a.M. 1998, S. 290f.
[8] Brecht: Dramatisches Papier und Anderes. In: ders.: Werke. Bd. 21: Schriften 1 (1914 – 1933). Berlin/Weimar/Frankfurt a.M. 1992, S. 88f., hier S. 89.
[9] Vgl. Hans-Joachim Schott: „Proklamation des Menschen ohne Menschen“. Brechts Kritik an der Inszenierung von Humanität in Toller expressionistischen Dramen. In: Bertolt Brecht und Ernst Toller 2024, S. 27–43.
[10] Der genaue Inhalt des Vortrags liegt nicht vor, lediglich in einem Zeitungsartikel wurde über ihn berichtet; vgl. Peter Langemeyer: Eine „Attacke auf das epische Theater“ Bertolt Brechts? Zu Mordecai Goreliks Auseinandersetzung mit Ernst Tollers Artikel „The Funktion of Drama“, in: Bertolt Brecht und Ernst Toller 2024, S. 57–76, hier bes. 67, FN 57.
[11] Toller: The Function of Drama. In: ders.: Sämtliche Werke. Bd. 4.1: Publizistik und Reden. Göttingen 2015, S. 578–582.
[12] Zu diesem Ergebnis kommen Michael Pilz und Peter Langemeyer unabhängig voneinander; beide nähern sich Tollers Aussage aus unterschiedlichen Perspektiven; vgl. Pilz: „There is no ‚epic drama‘“. Bemerkungen zu einer Bemerkung Ernst Tollers und ihrem Entstehungskontext. In: Bertolt Brecht und Ernst Toller 2024. S. 45 – 56; sowie den bereits erwähnte Aufsatz von Langemeyer 2024.
[13] Vgl. z.B. Jean Bodin: The tragic sense of life, or we are left with ‚self‘. Theatrical roots re-visited (Brecht, Toller, Sartre). In: The European Legacy 13 (3) 2008, S. 277–285. Huimin Chen: Inversion of revolutionary ideals. A study of the tragic essence of Georg Büchner’s Dantons Tod, Ernst Toller’s Masse Mensch, and Bertolt Brecht’s Die Massnahme. New York u.a. 1998. Christoph Deupmann: Die verlorene Generation. Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg in der deutsch-sprachigen Literatur. Heidelberg 2019. Siehe auch das Vorwort von Reimers/Mühlbach/Unger in: Bertolt Brecht und Ernst Toller 2024, S. V–XVI.




