Proust hat Brecht nicht gelesen, wie denn auch, Brecht war vierundzwanzig Jahre alt, als Proust 1922 starb. Und Brecht hat Proust nicht gelesen. Das jedenfalls erinnert Hanns Eisler im Gespräch mit Hans Bunge: “Selbst auf mein dringendes Bitten hat er nicht Proust gelesen”. Eisler fügt hinzu, Brecht “ließ sichs referieren”.1 Was war Eisler an Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (hier zitiert als Recherche) so wichtig, dass er Prousts monumentalen Roman über eine heruntergekommene Aristokratie und ein borniertes Großbürgertum Brecht “dringend” empfahl? In Eislers Nachlassbibliothek fehlen die Bände der Recherche.2 Ein Hinweis auf das Werk findet sich an einer entlegenen Stelle in Eislers Schriften: Eine Notiz von 1953 zu Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert trägt den Titel: “La recherche du temps perdu berlinoise”.3 Was keine Schlüsse auf Eislers Recherche-Lektüre zulässt. Immerhin ist das Aperçu im Titel aufmerksam gewählt. Benjamins Kindheitserinnerungen, mit deren Niederschrift er 1932 begann, stehen in einem offensichtlichen Zusammenhang mit Prousts Roman der Erinnerung; von Ende 1925 bis Ende 1926 hatte Benjamin mehrere Bände der Recherche übersetzt. Und während der Arbeit an Berliner Kindheit begann er auch wieder, Proust zu lesen.4
Anfang Juni 1931 reiste Benjamin nach Le Lavandou an der Riviera. Dort erwartete ihn Brecht, wie er Helene Weigel schrieb.5 Brecht hielt sich bereits seit Mitte Mai mit mehreren Freunden und mit seinen Mitarbeitern Emil Burri und Elisabeth Hauptmann in dem französischen Badeort auf. Er arbeitete an einem Lehrstück, dessen Vorlage Elisabeth Hauptmann nach der französischen Übersetzung eines chinesischen Stücks – die komplizierte Abkunft ist charakteristisch für Brechts Lehrstücke – angefertigt hatte.6 Das neue Stück wird den Titel Die Ausnahme und die Regel erhalten. Benjamin listet in seinem damaligen Tagebuch verschiedene “Gegenstände” auf, über die er mit Brecht gesprochen habe, “am Ende sogar” ein “einstündiges” Gespräch über Proust7 – Benjamin scheint von Brechts Interesse an Proust überrascht. Brecht hatte Proust damals zumindest wahrgenommen. Als der Journalist Hans Tasiemka im Herbst 1927 ihn für ein Interview in der Neuen Leipziger Zeitung besuchte, bemerkte er unter den Büchern in einem schmalen Schrank in Brechts Atelier “mehrere Bände Proust”.8 Mehr als zwei werden es nicht gewesen sein, bis dahin waren nur Der Weg zu Swann in der viel kritisierten Übersetzung von Rudolf Schottlaender und Im Schatten der jungen Mädchen, übersetzt von Walter Benjamin und Franz Hessel erschienen.9 In Brechts Nachlassbibliothek aus der DDR-Zeit findet sich zudem Guermantes, der dritte Band der Recherche, in einer Ausgabe von 1955.
Bemerkenswert immerhin, dass Brecht schon 1927, also noch vor der Freundschaft mit Benjamin, dessen Proust-Übersetzung Im Schatten der jungen Mädchen besaß. Daraus sei ein kurzer Abschnitt zitiert:
Und abends aßen sie nicht im Hotel, wo die Elektrizität im Speisesaal Lichtfluten aufsteigen ließ. Der wurde dann ein wunderbares Riesenaquarium, und vor seiner Glaswand versammelte sich, im Schatten unsichtbar, die Arbeiterbevölkerung von Balbec, Fischer und Kleinbürgerfamilien, und sah, an die Scheiben gedrückt, das luxuriöse Leben derer da drinnen auf sanft kräuselnden Wellen von Gold gewiegt; das war für die Armen ein so ungewöhnlicher Anblick wie seltsame Fische und Mollusken (eine große soziale Frage: ob die Glaswand immer das Festmahl der wunderlichen Tiere schützen wird oder ob eines Tages die dunklen Gestalten der gierigen Zuschauer draußen in der Nacht kommen werden, sie aus ihrem Aquarium zu fischen und zu verspeisen).10
Es ist die bedeutendste gesellschaftskritische Einsicht in den 4500 Seiten der Recherche. Die Aquarium-Metapher steht in Prousts Roman mehrfach für die abgeschottete Welt der Oberklasse. In der zitierten Passage entwickelt das Bild indessen eine von Proust kaum zu erwartende analytische und gesellschaftskritische Kraft. Die feudale Oberschicht wird als Ansammlung exotischer Wesen (“Fische und Mollusken”) gefasst, die, von der Bevölkerung getrennt, wenn auch für sie gut sichtbar, ihr “luxuriöses Leben” genießt. Der Kontrast wird verstärkt durch die Licht/Schatten-Metapher: Drinnen, in den “Lichtfluten” die Reichen, draußen “im Schatten unsichtbar”, die “Arbeiterbevölkerung”. Ein Dutzend Jahre nach Erscheinen von Im Schatten junger Mädchenblüte, in einer Zeit verschärfter Klassenkämpfe, wird Brecht die Licht/Schatten-Metapher verdichten: In den 1931 entstandenen berühmten Schlussversen der Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper: “Denn die einen sind im Dunkeln / Und die andern sind im Licht / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.”11
Der zweite Teil von Prousts Satz, beginnend mit dem Hinweis auf “eine große soziale Frage”, steht in Klammern. Einschübe in Klammern oder zwischen Gedankenstrichen sind in der Recherche häufig. Die Klammern scheinen einen weniger wichtigen Zusatz, ein ‘nebenbei gesagt’ anzuzeigen. Zugleich lenken sie, unvermeidliche Dialektik, die Aufmerksamkeit auf das, was eingeklammert ist. Darin schlägt die harmlose Situation schockartig um in ein Bild von apokalyptischer anthropophagischer Gewalt. Schockartig, weil nichts im Verhalten derer, die sich draußen gegen die gläserne Wand drücken, darauf schließen lässt, dass sie die drinnen eines Tages gewaltsam herausfischen und verspeisen könnten. Aber die herrschende Klasse, im Bewusstsein davon, wer die Kosten trägt für ihr “auf sanft kräuselnden Wellen von Gold” sich wiegendes Luxusleben, muss das befürchten.
So jedenfalls kann man diese Passage von Die Ausnahme und die Regel aus lesen, jenem Lehrstück, an dem Brecht 1931 in Le Lavandou arbeitete. Die Fabel handelt von einem chinesischen Kaufmann, der mit einem armen Kuli die Wüste durchquert. Der unterwürfige und hilfsbereite Kuli gibt nicht den geringsten Anlass zur Annahme, er könnte revoltieren. Trotzdem wird er von dem argwöhnischen Kaufmann getötet, der aufgrund seiner Klassenzugehörigkeit vom Kuli Aggression und Feindseligkeit erwarten muss. In der anschließenden Gerichtsszene wird der Kaufmann freigesprochen, denn nach den Gesetzen des Klassenkampfs “musste er sich bedroht fühlen”.12 Zum Konzept des Stücks notierte Brecht: “Selbst wenn der Ausgebeutete noch nicht weiß, dass er vernünftigerweise seinen Ausbeuter niederschlagen muss, weiß es schon sein Ausbeuter. Er erwartet es“.13 Bezogen auf die Passage in der Recherche: Entscheidend ist nicht, ob die Armen, die sich außen am Aquarium die Nasen plattdrücken, eines Tages die Reichen verspeisen werden, sondern dass die Reichen, im Wissen, dass sie die Armen ausbeuten, das fürchten müssen.
Prousts “große soziale Frage” kann als nachträgliche Erkenntnis aus dem Geschehen um die Pariser Kommune (18. März bis 28. Mai 1871) gelesen werden. Proust wurde am 10. Juli geboren, wenige Wochen nach der Niedermetzelung der Kommunardinnen und Kommunarden. Sein Vater, Arzt und international bekannter Epidemiologe, arbeitete auch während der Straßenkämpfe weiterhin im Pariser Charité-Krankenhaus. Er wurde von der Kugel eines Aufständischen verletzt, seine hochschwangere Frau war traumatisiert. Weder das private Trauma der Familie noch die Tage der Kommune haben in der Recherche Spuren hinterlassen. Anders bei Brecht, der 1949 nach einer Vorlage Nordahl Griegs das Stück Die Tage der Kommune verfasste.
Im Schatten junger Mädchenblüte war bereits vor dem Ersten Weltkrieg abgeschlossen, konnte aber erst 1919 erscheinen. Proust hat die russische Revolution von 1917, in der das Aquarium zerbrochen und die “wunderlichen Tiere” weggeschwemmt werden sollten, nicht vorausgesehen (so wenig wie Kafka den Holocaust voraussah). Das ändert nichts an der Hellsichtigkeit der Passage. Sie scheint Proust nicht bewusst gewesen zu sein: In Die wiedergefundene Zeit, dem letzten Band der Recherche, der zu einem wesentlichen Teil in der Kriegszeit spielt, wird die russische Revolution nur am Rand erwähnt.14 Ihre epochale Bedeutung wurde nicht erkannt, ein Zusammenhang mit der Passage von Im Schatten der jungen Mädchen nicht hergestellt.
(Textsegment aus einer bisher unveröffentlichten Arbeit “Verlorene Zeit. Proustlektüre”)
- Hans Bunge, Fragen Sie mehr über Brecht. Hanns Eisler im Gespräch, Nachwort von Stephan Hermlin (München: Rogner & Bernhard, 1970), 146. ↩︎
- E-Mail der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft vom 18. Feb. 2026 an den Verfasser. ↩︎
- Hanns Eisler, Musik und Politik. Schriften 1948-1962, hrsg. von Günter Mayer (Leipzig: VEB Deutscher Verlag für Musik, 1982), 270. ↩︎
- Walter Benjamin – Gershom Scholem. Briefwechsel 1933-1940, hrsg. von Gershom Scholem (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1980), 20. ↩︎
- “ich lerne: gläser + tassen spülen”. Bertolt Brecht / Helene Weigel Briefe 1923-1956, hrsg. von Erdmut Wizisla (Berlin: Suhrkamp, 2012), 72. ↩︎
- Werner Hecht, Brecht Chronik (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997), 307. ↩︎
- Walter Benjamin, “Mai-Juni 1931”, in: Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991), Bd. VI, 431. ↩︎
- Bertolt Brecht, “Unsere Hoffnung heute ist die Krise”: Interviews 1926–
1956, hrsg. von Noah Willumsen (Berlin: Suhrkamp, 2023), 52, 55. ↩︎ - In der Suhrkamp-Ausgabe tragen die beiden Bände die Titel Unterwegs zu Swann und Im Schatten junger Mädchenblüte. ↩︎
- Zitiert nach https://projekt-gutenberg.org/authors/marcel-proust/books/im-schatten-der-jungen-maedchen/chapter/3/ (ohne Seitenzahl). ↩︎
- BFA 14, 101-02. ↩︎
- BFA 3, 259. ↩︎
- Klaus-Dieter Krabiel, Brechts Lehrstücke. Entstehung und Entwicklung eines Spieltyps (Stuttgart: J.B. Metzler, 1993), 241 (Hervorhebung im Original). ↩︎
- Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 7. Die wiedergefundene Zeit, Taschenbuchausgabe (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004), 236-37 und 430. ↩︎
Robert Cohen, PhD, geb. in Zürich. Bis 2012 Adjunct Professor am German Department der New York University. Veröffentlichungen: Zahlreiche Aufsätze zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, besonders zu Brecht und Peter Weiss, mehrere Monografien zu Peter Weiss. Herausgeber von Werken von Peter Weiss und Anna Seghers. Belletristische Werke u.a. Exil der frechen Frauen (Roman, 2009), Anna Seghers im Garten von Jorge Amado (Erzählung, 2021). Mitglied des Kuratoriums des Berliner Instituts für kritische Theorie.




