Mario Adorf, der deutsche Schauspieler, dessen lange Karriere ihn zu einer prägenden Größe des westdeutschen und europäischen Films und Fernsehens der Nachkriegszeit machte, starb am 8. April 2026 nach kurzer Krankheit im Alter von 95 Jahren in Paris. Geboren am 8. September 1930 in Zürich als Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters und aufgewachsen in der Eifel, gehörte Adorf zu jener Generation von Darstellerinnen und Darstellern, deren Arbeit die Kulturlandschaft der Bundesrepublik und darüber hinaus das europäische Schauspiel nach 1945 entscheidend mitprägte. Über Jahrzehnte hinweg wirkte er in einer Vielzahl von Produktionen des deutschen und internationalen Kinos und Fernsehens mit und blieb bis ins hohe Alter künstlerisch aktiv.
Größere Bekanntheit erlangte Adorf zunächst mit Robert Siodmaks Nachts, wenn der Teufel kam und baute in der Folge ein Werk von bemerkenswerter Breite und Dauerhaftigkeit auf. Seine Filmografie umfasste kommerzielle Genrefilme, bedeutende Literaturverfilmungen und Werke des Neuen Deutschen Films, darunter Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Die Blechtrommel und Fassbinders Lola. Auch im deutschen Fernsehen blieb er über mehrere Jahrzehnte hinweg eine feste Größe und erreichte mit seinen Rollen ein breites Publikum. Noch im hohen Alter übernahm er historisch markante Rollen, darunter die des Karl Marx in dem ZDF-Dokudrama Karl Marx – der deutsche Prophet aus dem Jahr 2018.
Für ein Brecht-orientiertes Gedenken ist Adorfs Bedeutung auch durch mehrere direkte Verbindungen zu Brechts Werken und Nachwirkung gekennzeichnet. Besonders hervorzuheben ist seine Rolle als Matti in der 1966 entstandenen Fernsehadaption von Herr Puntila und sein Knecht Matti unter der Regie von Rolf Hädrich, mit Leonard Steckel als Puntila. Rückblickende Darstellungen heben hervor, dass Adorf in dieser Rolle die Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer beeindruckte. Seine Beschäftigung mit Brecht beschränkte sich jedoch nicht auf diese Produktion. So erhielt er 1979 etwa für die Titelrolle in Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui den Großen Hersfeld-Preis. Darüber hinaus wirkte er an einer 1990 auf dem Label Metronome erschienenen deutschen CD-Einspielung von Kurt Weills und Bertolt Brechts Die Dreigroschenoper mit, in der er Jonathan Jeremiah Peachum sang.
Adorf sprach auch öffentlich über eine persönliche Begegnung mit Brecht aus seinen frühen Münchner Theaterjahren. Er erinnerte sich an die Zeit, als Brecht Der gute Mensch von Sezuan inszenieren sollte. Als Brecht schließlich erschien, hatte das Ensemble bereits seit Wochen geprobt. Nach Adorfs Darstellung wohnte Brecht, zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank und körperlich sehr geschwächt, einem Durchlauf bei und sprach anschließend leise im Zuschauerraum mit den Schauspielerinnen und Schauspielern statt auf der Bühne. Adorf erinnerte sich daran, dass Brecht ihnen geraten habe, sich nicht zu sehr in theoretischen Schriften zu verlieren, sondern Freude am Spielen zu haben. Adorf beschrieb die Reaktion des Ensembles als bestürzt und bezeichnete diese Begegnung als seine einzige persönliche mit Brecht. Adorf schildert diese einzige persönliche Begegnung mit Brecht in einem Interview, das unten eingebettet ist.
Adorfs Tod bedeutet den Verlust eines Schauspielers von ungewöhnlicher Langlebigkeit, technischer Meisterschaft und historischer Bedeutung, dessen Werk weiterhin ein wichtiger Teil der größeren Konstellation des deutschen und europäischen Theaters und Films des 20. Jahrhunderts bleibt.




